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"Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von deinen. Und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest du von mir mehr als von der Hölle, wenn dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich (...) stehen, wie vor dem Eingang zur Hölle."(Franz Kafka)




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Immer noch ein Tabu - Depressionen

Manche werden jetzt sicher sagen, warum offenbarst du dich hier so. Das Internet ist so öffentlich, und das Thema ist so persönlich. Aber leider ist es immer noch ein sehr stark tabuisiertes Thema. Ein Thema, zu dem sehr viele angeblich etwas "wissen", das nicht der Wahrheit entspricht und wenig hilfreich ist - vielleicht sogar auch zerstörerisch - für an Depressionen erkrankte oder deren Angehörige. Jeder hat so seine Vorurteile und letztendlich können nur es die, die es am eigenen Leib - oder soll ich besser sagen, an der eigenen Seele -, erfahren haben, wirklich nachvollziehen.

Es ist ein Thema, das mit großer Scham einher geht. Wenn man "am Körper" erkrankt ist, hat jeder Mitgefühl, wenn man aber "an der Seele" erkrankt ist, oder gar "am Kopf"!?, ist es eine Schande. Man ist ja auch selbst Schuld. Man strengt sich nicht genug an, es zu überwinden. Man suhlt sich in seinem Selbstmitleid. Und, und, und.

Wie war die Depression für mich? Meine brach nach der Geburt meines Kindes aus - eine typische "Wochenbettdepression", oder wie man sie heute nennt, Postpartale Depression. Nicht zu vergleichen mit Babyblues, die nach ein paar Tagen, wenn sich die Hormone wieder eingekriegt haben, von allein vergehen.

Ich habe gedacht, ich bin gestorben und in der Hölle wieder aufgewacht. Ich spürte nur Trauer und Schmerz und sah überhaupt keinerlei Sinn mehr in meinem Leben. Ich konnte nur noch funktionieren, mit Mühe und Not, weil ich musste. Und das über Jahre, nicht über Wochen - das zermürbt.

Die Ironie: trotz eines so süßen kleinen Kindes. Und dennoch: Der einzige Grund, warum ich noch am Leben bin, ist eben dieses Kind, das mich damals in diese unendliche Hölle stürzte. Ich habe durchgehalten, weil ich mein Kind nicht mit einer toten Mutter zurücklassen wollte. Und weil ich es trotz allem liebte. Aber wenn ich nicht nach ca. 1,5 Jahren, viel viel zu spät eigentlich, mit einer Therapie angefangen hätte, wäre ich heute nicht mehr hier, denn ich war ganz unten. Irgendwann kann keiner mehr.

Wie oft habe ich an meine irische Uroma gedacht, die sich und ihren jüngsten Sohn erschossen hat, als er 14 war. Ich konnte sie verstehen. Ich wollte auch immer nur tot sein und habe mir immer vorgestellt, mich entweder von der Klippe zu stürzen oder in einen Lastwagen zu knallen. Aber der Gedanke, Lydia "mitzunehmen", war bei mir nie da, und wahrscheinlich da sie fast immer mit im Auto saß, habe ich es nicht getan. Wenn ich sie allein gelassen hätte, wie wäre es ihr dann ergangen? Ich wusste niemanden, dem ich sie guten Gewissens "hinterlassen" konnte.

Die Therapie hat mir letztendlich das Leben gerettet. Ich hatte endlich jemanden gefunden, der mich verstand und bei dem ich die schlimmsten Sachen endlich aussprechen konnte, ohne verurteilt zu werden, und bei dem ich viele heilsame Tränen geweint habe.

Eins der quälendsten Dinge ist, dass man sich so schämt. Man ist die schlechteste Mutter, die es auf Erden gibt. Man muss ja eigentlich selig sein, so glücklich mit diesem kleinen Wurm, und allein schon das nicht zu empfinden, grenzt einen von "normalen" Menschen ab. Und wer, wenn nicht ein Monster, würde so ein kleines, unschuldiges Wesen manchmal derart hassen, manchmal so eine Wut spüren, dass man sich vorstellt, es gegen die Wand zu knallen? Nur eine ganz schreckliche Person kann zu sowas fähig sein. Wochenbettdepression? Ja, hat man schonmal gehört, aber das trifft auf einen selbst nicht zu, man ist einfach nur eine unwürdige Person.

Vorschläge von außen, die ich auch hin und wieder bekam, werden abgetan. "Man wird sich schon durchschlagen", es wird schon vergehen, sobald der Teufel von Kind älter ist und einen mal schlafen lässt. Ruhe ist alles, was man braucht. Irgendwann wird es besser. Obwohl das einzige, was an Leben noch in einem drin ist, Wutanfälle sind, und Hass.

Es ist, als wenn man seine Seele verloren hätte. Ich war ein Nichts, ein Niemand. Ich war nur noch eine Maschine, die funktionierte. Man ist wie hinter einer Glaswand, hat keinen Kontakt zur Außenwelt und auch nicht zu sich selbst. Man kann sich nicht vorstellen, warum andere Menschen glücklich sind. Man hat kaum noch Gefühle. Man versteht nicht, warum es einem so schlecht geht. "Wie kann man bei so einem Ausblick Depressionen haben", sagen Freunde, wenn sie einen besuchen; solche Sätze fallen und man schämt sich noch mehr. Man hat ein Traumkind und weiß es nicht zu schätzen... - viele Menschen können gar keine Kinder kriegen -, man ist nur schlecht, schlecht, schlecht. Jedenfalls konnte ich mir nicht vorstellen, warum ich leben sollte, außer, weil mein Kind eine Mutter brauchte, und ich die einzige war, die sie hatte.

Eine Nebenerscheinung: Freunde gehen unterwegs verloren. Erstaunlich, manche "begleiten" einen nur so lange es einem schlecht geht. Es ist fast, als wenn sie sich darüber definieren, dass sie helfen können, und können es nicht ertragen, wenn man diese Hilfe nicht mehr braucht. Andere verlieren das Interesse, weil man, ja eigentlich verständlicherweise, eine Zeitlang nur Hilfe in Anspruch nehmen kann und nichts zu geben hat. Sie nehmen es einem übel und wenden sich ab. Dann gibt es andere, die einen nur kritisieren und beim besten Willen nicht nachvollziehen können, dass man sich eben nicht so sehr "zusammenreißen" kann. Andere wiederum stößt man von sich, weil sie die eigenen schlimmsten Befürchtungen aussprechen, seit man sich ihnen anvertraut hat oder weil man nicht die Nerven hat, "immer nett" zu seinem Kind zu sein: du bist eine schlechte Mutter, du solltest dein Kind besser weggeben, bei Pflegeeltern wäre es besser aufgehoben. Tief in sich drinnen weiß man, dass das nicht stimmt, und rettet sich so vor zerstörerischen Ratschlägen, die nur noch weiter runterziehen. Und dann gibt es ein paar Freunde, die vorurteilsfrei sind und einen immer annehmen, wie man ist, vorher, während dessen und nachher. Letztendlich trennt sich einfach die Spreu vom Weizen.

Mein Therapeut sagte immer, Lydia wäre meine Chance. Und in gewisser Weise stimmte es, jetzt, da ich es überlebt habe. Meine Lebensqualität ist heute 1000x besser als noch "vor dem Kind", noch vor der Depression. Ich wurde gezwungen, mich mit mir selbst auseinander zu setzen. Ich musste mich gewissen Dingen dadurch stellen. Lydia ließ nicht locker. Jetzt kenne ich mich viel besser als vorher, habe ich viel mehr Selbstbewusstsein als vorher, ich habe keine Angst mehr vor dem Urteil anderer Menschen, muss nicht mehr von jedem gemocht werden und vertraue endlich meinem Bauchgefühl.

Leider haben Depressionen nicht immer so einen guten Ausgang. Manche probieren vieles aus und finden doch nicht das richtige. Ich hatte viel Glück mit meinem Therapeuten, und als es ihn nicht mehr gab, und ich wieder eine schlechte Phase hatte, nahm ich Antidepressiva. Das ist noch so ein ganz besonders heikles Thema. Ich hatte es für DIE Niederlage schlechthin gehalten, wenn man Antidepressiva nehmen muss. Will heißen, für das Urteil, gescheitert zu sein.

Allerdings wusste ich damals noch nicht, dass es heutzutage sehr moderne und leichte Mittel gibt, die einfach nur das aus dem Gleichgewicht geratene Gehirn wieder in Ordnung bringen. Dass da ein paar Schalter im Kopf sind, denen lediglich ein bestimmter Botenstoff fehlt. Dass es so einfach sein könnte! Ich nahm dieses Mittel dann schweren Herzens, weil die Selbstmordgedanken meinen Alltag wieder beherrschten, aber von der ersten Tablette an hatte ich das Gefühl, dass sie wirkten. Vorher war ich mit meinen Stimmungen immer Achterbahn gefahren, und plötzlich verlief meine Gefühlswelt in ruhigeren Bahnen und wurde immer gefestigter. Was für eine unglaubliche Erleichterung!

Ein Zitat von der Seite www.depress-online.de:

Stoffwechselstörung im Gehirn

"Zur Entstehung einer Depression tragen verschiedene Faktoren bei. Eine wichtige Rolle spielt der Stoffwechsel im Gehirn: so genannte Neurotransmitter, die Informationen von einer Nervenzelle auf die nächste übertragen, sind für die normale Tätigkeit des Gehirns von großer Bedeutung. Ein solcher Botenstoff ist das Serotonin. Bei einer Depression besteht ein Mangel an Serotonin – Depressionen sind also u. a. auf ein "organisches Ungleichgewicht" zurückzuführen.

Eine Zunahme des Botenstoffs Serotonin und damit die Herstellung des natürlichen Gleichgewichts zwischen diesem und anderen Neurotransmittern ist durch eine Therapie mit entsprechenden Medikamenten möglich. Es ist beruhigend zu wissen, dass sich Depressionen heute sehr gut behandeln lassen."

Dabei sprechen alle Menschen unterschiedlich darauf an, man muss also die für sich richtige Therapie finden; es gibt kein Patentrezept. Ich hatte Glück, dass das erste Mittel voll anschlug. Das gleiche Mittel tat bei einer Freundin jedoch gar nichts. Also: nicht verzagen.

Heute geht es mir, seit die Krise überstanden ist, sehr gut. Ich bin zwar trotz allem nicht das, was man eine Glucke oder "die geborene Mutter" nennt, und ich finde es schade, dass ich nie diese positive Baby-Erfahrung gemacht habe wie andere Frauen, aber "man kann ja nicht alles haben".

Ich möchte zum Schluss anmerken, dass ich das Thema hier wirklich nur "angerissen" habe und auch nur für mich sprechen kann - eine Depression verläuft bei jedem anders. Wichtig ist mir aber, mich dazu zu bekennen; vielleicht trauen sich dadurch auch andere, denn Depressionen sind eine Krankheit und nicht etwas, wofür man sich schämen muss.

Weitere Tipps (Links und Bücher):

Es gibt viele gute Informationen im Internet zu dem Thema. Die wichtigste Website zum Thema "Postpartale Depression" im deutschen Internet ist meiner Meinung nach das Portal "www.schatten-und-licht.de". Sonst braucht man eigentlich nur zu googlen und findet unendliche Informationen.

Sehr sinnvoll finde ich auch diese Seite: www.buendnis-depression.de

Zitat:

"Der gemeinnützige Verein "Deutsches Bündnis gegen Depression e.V." verfolgt das Ziel die gesundheitliche Situation depressiver Menschen zu verbessern und das Wissen über die Krankheit in der Bevölkerung zu erweitern."


Ein paar besondere Empfehlungen von mir sind z.B. folgende Bücher:

Ein sehr hilfreiches Buch zur Aufklärung über Depressionen, und zum nachsichtigen Verstehen (für sich selbst und andere):

Dieses Buch ist eine Sensation!

Ein empfohlenes Buch zum Thema (habe ich nicht selbst gelesen):

Eine Prominente erzählt (habe ich auch noch nicht gelesen, aber viel gutes gehört; das Buch ist auf meiner Wunschliste):


Es gibt auch einen tollen Film, der die Depression sehr gut veranschaulicht: "The Hours" mit Nicole Kidman (sie hat dafür auch den Oscar bekommen) und anderen sehr bekannten Schauspielern. Ein sehr sehenswerter Film übrigens auch wenn man nicht gerade am Thema Depressionen interessiert ist!

Töchterchen Lydia hat übrigens eine Art "Blog". Der Name Lydias "Wochenschau" hat sich eingebürgert, da ich früher jede Woche über Lydias Fortschritte und unsere Sorgen berichtet habe und gern fotografiere (und sicher auch eine kleine exhibistionische Ader habe ;-)). Für mich war es auch eine Art Therapie, wie manche schon früher zwischen den Zeilen lesen konnten. Hier fängt ihr Blog an, hier ist die HP von Lydia und hier ihr Blog. Allerdings führe ich heutzutage eher einen gemeinschaftlichen Blog unter www.ungeschminkt.martinablair.de.

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